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Interview mit Christian Lyra (Drehbuch, Produktion)

Wie kamen Sie auf die Idee, mit „Staudamm“ einen Film über einen Amoklauf zu machen?

Das Thema Gewalt und wie sie entsteht hat mich immer sehr fasziniert. Als ich Ende der Achtzigerjahre in einer psychiatrischen Klinik Zivildienst leistete, lernte ich dort einen Assistenzarzt kennen. Wir wurden Freunde, und auf der Suche nach Stoffen habe ich oft mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen, über die Lebenswelten von Patienten, die Familien die dahinter stehen. …

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Natürlich hatte ich auch selbst engen Kontakt zu den Patienten und konnte als Teil des Teams viele Einsichten in verschiedene psychische Krankheitsbilder gewinnen. Hinzu kam über meinen Arzt-Freund eine stete Auseinandersetzung mit der Hirnforschung und der Psychoanalyse, und ich hatte immer Zugang zu spannender Fachlektüre.

Aus diesen Erfahrungen ist dann zunächst Ihr Film „Distanz“ entstanden, über einen jungen Mann mit schizoider Persönlichkeitsstörung.

Der Arzt und ich kamen in einem Gespräch auf einen jungen Serientäter aus München, der mit einem Gewehr wahllos auf Kinder geschossen hatte. Dieser Fall beschäftigte mich sehr. Also schrieb ich nach ausgiebigen Recherchen ein erstes Treatment für „Distanz“, das Thomas Sieben dann mit mir weiterentwickelt hat. Der Film durfte 2009 die Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ auf der Berlinale eröffnen. Und weil Thomas und mich die Frage nach den Ursprüngen der Gewalt weiterhin sehr beschäftigt hat, stand schnell die Frage im Raum, was wir als nächstes machen. Und da reizte uns das Thema Amok sehr.

Sie haben für „Staudamm“ jahrelang recherchiert. Wie genau sind Sie vorgegangen?

Da gab es keinen Masterplan, aber insgesamt stecken viele, viele Jahre Recherche in diesem Film. Man arbeitet ja nie nur für ein Projekt, und so zog sich das über eine sehr lange Zeit, angefangen mit Nachforschungen zu den Gewaltexzessen im Zweiten Weltkrieg noch während meiner Schulzeit. Konkret zum Thema Amoklauf habe ich dann irgendwann angefangen, wirklich alles zu lesen, was ich in die Hände bekommen habe.
Und ich habe natürlich Kontakt zu Fachleuten aufgenommen. Zum Beispiel zu der Sozialpädagogin Christiane Dossow, die ihre Doktorarbeit über die Trauma-Bewältigung bei den unmittelbaren Angehörigen und Betroffenen des Erfurter Amoklaufs von 2002 geschrieben hat. Ihre Studie war ein wichtiger Einfluss für den Film, weil sie es tatsächlich geschafft hat, dass sich Überlebende ihr in Gesprächen geöffnet haben, das ist sehr selten.
Eine andere Quelle war der Verleger und Autor Michael Farin. Farin war einer der Entdecker der Fritz Haarmann-Gutachten und Ko-Autor des Drehbuches zum Film „Der Totmacher“ von Romuald Karmakar über den Serienmörder Haarmann. Farin hat in seinem Verlag auch das Buch „Amok“ des Psychiaters Lothar Adler verlegt und ist Verfasser eines Hörspieles zum Thema Amok.

Hatten Sie bestimmte Vorbilder aus der Filmgeschichte?

Ein Schlüsselwerk ist für mich die Dokumentation „The Killing of America“ von Sheldon Renan und Leonard Schrader, dem Bruder von Paul Schrader. Ein Film über die großen Gewaltexzesse im Amerika des 20. Jahrhunderts, von den Präsidentenermordungen bis zu den berühmten Serienmördern und Amokläufern. Das ist eine ziemlich beeindruckende Studie, die 1982 entstanden ist, lange bevor die Serienmörder-Thematik in den Neunzigerjahren einen richtigen Hype erlebt hat und Popkultur geworden ist, mit „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Sieben“. Weitere wichtige Filme in meiner Kinosozialisation auf dem Weg zu eigenen Stoffen waren „Taxi Driver“, eine Studie über die Ursprünge der Gewalt, das Porträt eines einsamen Menschen. Oder „Fingers“ von James Toback und „Tagebuch eines Landpfarrers“ von Robert Bresson sind auch Filme, die mich inspiriert haben. Und wenn man sich mit der Idee zu einem Film über einen Amoklauf beschäftigt, schaut man natürlich „Elephant“ von Gus van Sant, ein sehr intensiver Film. Mit diesen Meisterwerken wollen wir uns gar nicht messen, aber man wird natürlich davon beeinflusst.

Im Gegensatz zu „Elephant“ steht bei Ihnen nicht der Täter im Mittelpunkt, da ihr fiktiver Amoklauf zur Zeit der Filmhandlung bereits passiert ist. Trotzdem ist er indirekt immer präsent.

Man hat natürlich eine irre Verantwortung, wenn man so einen Stoff angeht. Uns war es sehr wichtig, dass wir eine solche Geschichte nicht einfach aus purer Betroffenheit erzählen sondern auch vernünftig zu Ende führen – ohne in irgendeine Form der Gewaltpornografie hineinzugeraten. Wenn man ein solches Thema dramaturgisch bearbeitet, kann man es nie allen Menschen recht machen, obwohl wir versucht haben, möglichst viele Perspektiven zu zeigen: die der Opfer, der Hinterbliebenen, der Wissenschaft – aber auch die des Täters.
Dass das einige Menschen verstören wird, war mir schon beim Schreiben klar. Aber wenn man einen Spielfilm macht, möchte man ja auch in alle Figuren und die Kräfte in ihnen eintauchen. Und dazu gehört definitiv die Frage nach der Motivation des Täters. Was ist in ihm vorgegangen, wie ist es so weit gekommen? Ich bin kein Hüter endgültiger Wahrheiten, aber ich will diese Fragen stellen und versuchen sie abzubilden.

Die Täter-Motive vermitteln Sie durch das Tagebuch des „Staudamm“-Amokläufers, das nach seinem Tod gefunden wird.

Diese Eintragungen sind aus ganz verschiedenen Einflüssen entstanden. Eine Collage aus fiktiven Texten und realen Hinterlassenschaften von Amokläufern. Man liest wie gesagt unglaublich viel. Wobei wir da auch wieder bei meinem Freund dem Arzt wären. Mit dem habe ich natürlich auch über unseren Täter gesprochen. Und man versucht sich anhand echter Texte ein Bild zu machen, was in so jemanden vorgeht, dem Nachlass der Columbine-Amokläufer zum Beispiel. Gerade von diesen beiden Attentätern gibt es jede Menge schriftlicher Aufzeichnungen. Schreckliche Einblicke, mit denen man da arbeitet. Aber man erinnert sich dabei auch wieder an eigene Gefühle aus der Pubertät. An Zeiten, wo man als junger Mensch im Strudel des Erwachsenwerdens versucht hat, einen Platz zu finden. Wo man heftige Musik gehört hat und nicht glauben konnte, was Menschen anderen Menschen antun, was in der Zeitung steht und was in den Geschichtsbüchern. Diese Stimmung wollten wir in den Tagebucheinträgen in „Staudamm“ transportieren.

Auch mit den Persönlichkeitsstrukturen von Amokläufern haben Sie sich ausführlich beschäftigt.

Ja, soweit das als Nicht-Mediziner möglich ist. Meistens handelt es sich um eine extreme narzisstische Persönlichkeitsstörung mit großen schizoiden Anteilen. Die Kränkung einer Zurückweisung – zum Beispiel durch ein Mädchen in das man verliebt ist, aber auch durch Mitschüler, Lehrer etc. – wird oftmals mit Rachephantasien verarbeitet. Die Großzahl der Täter begeht mit dem Amoklauf außerdem einen erweiterten Suizid. Sie bringen sich um oder lassen sich erschießen, weil sie sterben wollen. Sicherlich sind die Faktoren, die da zusammenkommen, nicht monokausal sondern im höchsten Maße komplex. Neben der fehlenden Empathie und den narzisstischen Anteilen, müssen noch viele andere Dinge in diese Persönlichkeiten mit einfließen. Diese jungen Männer kapseln sich ab. Sie stehen außerhalb der Norm. Sie leiden, können aber nicht darüber reden – sonst würde ja vielleicht der Sinn des Leidens wegfallen. Und dann beginnt ein Prozess, an dessen Ende ein Amoklauf stehen kann, der ja kein eruptiver Akt ist, sondern in der Regel minutiös vorbereitet wird. Insofern ist das Wort Amoklauf eigentlich gänzlich falsch, wir sollten stattdessen den englischen Begriff des School-Shootings verwenden.

Als Hauptfigur haben Sie mit dem gelangweilten Mittzwanziger Roman einen Protagonisten, der zunächst gar nichts mit dem Geschehen zu tun hat.

Ein so brutaler Gewaltausbruch wie ein Amoklauf macht die Leute sprachlos und überfordert sie. Aber der Mensch ist so konstituiert, dass er die Dinge verstehen will. Das schlägt sich irgendwann in dicken Aktenordnern und Büchern nieder – der Versuch, mit vermeintlich nüchterner Juristen-Sprache diesen Wahnsinn einzuordnen. Ich habe zum Beispiel einen Kommissionsbericht des Innenministeriums von Thüringen gelesen, über den Erfurter Amoklauf. Eine in diesem Kontext höchst interessante Lektüre. Wir haben dann beim Schreiben gesagt, wir müssten jemanden haben, der so einen Bericht einliest. Niemand, der direkt mit der Angelegenheit verbunden ist, sondern jemand von ganz außen. Im dramaturgischen Sinn also der Beginn einer klassischen Heldenreise. Unser Held ist relativ jung und hat seinen Platz im Leben noch nicht gefunden. Roman hat sich in seine Wohnung zurückgezogen und interessiert sich eigentlich für gar nichts, eine richtige Slacker-Figur. Nach all den Jahren in den Institutionen – Krippe, Kindergarten, Schule – will er nur seine Ruhe haben. Und dann stößt er durch seinen Nebenjob, bei dem er für einen Staatsanwalt Akten einspricht, plötzlich auf diesen Amoklauf und beginnt Fragen zu stellen – natürlich auch stellvertretend für die Zuschauer.

In einer besonders heftigen Szene sind Roman und Laura in der Schule, und plötzlich kann Roman nicht widerstehen, schleicht den Gang entlang und imitiert mit einem unsichtbaren Gewehr Schüsse in die Klassenzimmer. Laura muss sich übergeben.

Diese Szene hat schon bei einigen Vorführungen für Kontroversen gesorgt. Dabei ging es aber nicht um die Lust am Amoklauf sondern darum, dass Laura sich mit ihrem Trauma konfrontieren muss, um weiterleben zu können. Wir haben das einem Fachmann gezeigt, und der meinte, diese Szene sei aus therapeutischer Sicht sehr interessant. Man nennt das Paradoxe Intervention. Erst durch die Konfrontation mit dem Trauma kann Laura sich lösen und versuchen, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.

Der Film war Ihnen so wichtig, dass Sie nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern ihn auch mitproduziert haben.

Mir ist es wichtig, diesen Film irgendwann meinen Kindern zeigen zu können. Ihn jetzt jungen Leuten zu zeigen – und zwar auf Augenhöhe mit ihrer Lebenswirklichkeit. Junge Menschen werden in Filmen oft so komisch gezeichnet. Auf jeden Fall nicht so, wie ich sie erlebe oder es früher selbst erlebt habe. Deshalb haben wir Roman als Hauptfigur entwickelt. Er verkörpert dieses Gefühl, einerseits seine Ruhe haben zu wollen, andererseits aber doch irgendwie einen Sinn im Leben finden zu wollen. Die ewige Frage: Wie funktioniert dieses verdammte Leben? Bei jedem Jugendlichen und jungen Erwachsenen hoffe ich, dass er sich die Welt wie sie ist anschaut und dann einen Widerstand entwickelt und dagegen rebelliert – mit der ganzen Energie der Jugend.
Das Tragische bei vielen jungen Menschen ist aber, dass sie zwar ganz viel von dieser Energie in sich tragen, aber keinen produktiven Weg finden, sie rauszulassen. Wohin also mit der Energie? Drogen? Arbeit Tag und Nacht? Mit 40 im Burnout-Spital aufwachen und sich fragen: „Was habe ich jetzt eigentlich gemacht mit meinem Leben? Wo ist die Zeit geblieben?“ Und in der schlimmsten und extremsten Ausprägung dieser aufgestauten Energie, also beim Amokläufer, katalysieren sich diese Kräfte in Gewalt. Dabei hätten diese Menschen durch einen Zufall oder durch ein bisschen Glück oder Liebe auch das Schreiben für sich entdecken können oder eine andere kreative Beschäftigung. Fußballspielen reicht ja auch. Deshalb ist „Staudamm“ für mich auch eine Meditation über das Jungsein.

Interview mit Thomas Sieben (Regie, Drehbuch)

Warum wollten Sie einen Film zum Thema Amoklauf machen?

Grundsätzlich lassen sich die Amokläufe, die immer wieder in Deutschland und anderswo stattfinden, ja nur schwer ignorieren. Das macht mich, wie vermutlich die meisten Menschen, jedes Mal sehr betroffen. Nachdem 2003 Gus Van Sants großartiger Film „Elephant“ über den Amoklauf an der Columbine High School ins Kino kam, hatte ich lange gehofft, dass es auch in Deutschland eine filmische Aufarbeitung zu diesem Thema geben würde, denn wir hatten ja ebenfalls heftige Fälle. …

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Und irgendwann habe ich überlegt, ob ich nicht selbst mit einem Film etwas zu diesem Thema zu sagen habe – etwas, das über bereits existierende Spielfilme und Dokumentationen hinausgeht. Was mich besonders interessiert hat ist, wie die Medien und die Gesellschaft mit so einer Tat umgehen, wenn sie einmal passiert ist.

War von Anfang an klar, dass Sie den Amoklauf selbst nicht zeigen wollen, sondern die Geschichte nach der Tat spielen wird?

Das hatte zunächst viel mit „Elephant“ zu tun. Ich finde, mit diesem Film ist ganz meisterhaft alles über den Ablauf eines Amoklaufs gesagt worden. Das mussten wir nicht nochmal machen. Und dadurch, dass wir die Tat selbst nicht zeigen, haben wir auch die Möglichkeit, uns mehr mit den leisen Tönen zu beschäftigen. Denn wenn man den Amoklauf zeigt, dann würde hinterher nur über die Gewaltszenen und das Blut geredet werden, nicht aber über den Entfremdungsprozess, der in den Menschen stattfindet. Den zu zeigen ist nicht ganz leicht, denn wir wollten nicht nur Gewaltpornografie vermeiden, sondern ganz klar auch jede Form der Trauerpornografie, mit der viele Filme mit ähnlich harten Stoffen spielen und manipulieren.

Was waren schließlich die ersten Überlegungen, wie man ein solch erschlagendes Thema in eine Spielfilmhandlung einbinden kann?

Christian Lyra und ich wussten lange nicht, ob es überhaupt möglich sein würde, einen Amok-Film zu machen, den wir uns zutrauen und hinter dem wir stehen können. Deshalb haben wir lange überlegt und diskutiert: Dürfen wir als Außenstehende uns das anmaßen? Dann sind wir relativ schnell darauf gekommen, dass wir dieses Problem lösen können, indem wir den Zuschauer da abholen, wo auch wir am Anfang unserer Recherchen standen. Nämlich mit dem gleichen aus den Medien entnommenen Durchschnittswissen über Amokläufe, das jeder andere normale Mensch auch hat. Also haben wir die Figur des Roman entwickelt, der von außen mit dem Thema in Berührung kommt. So kann er zur Identifikationsfigur für den Zuschauer werden. Ein ganz klassisches Erzählprinzip, so funktionieren auch viele Hollywoodfilme.

Welche Film-Vorbilder haben Sie für „Staudamm“ beeinflusst?

Definitiv „The Sweet Hereafter“ von Atom Egoyan. Der Film hat große Parallelen zu „Staudamm“. Ian Holm spielt einen Anwalt, der nach einem furchtbaren Schulbusunglück bei einer traumatisierten Dorfbevölkerung recherchiert und alte Wunden aufreißt. Was die Dynamik zwischen den Schauspielern angeht, ist mir „Blue Valentine“ von Derek Cianfrance sehr wichtig.

Wie war Ihre Herangehensweise in der Inszenierung?

Mir war es sehr wichtig, die Szenen nicht schon im Vorhinein zu sehr zu choreografieren. Wir haben wenig durchgestellt bei den Stellproben. Dadurch konnten die Schauspieler die Organik erreichen, die ich für diesen Film essentiell finde, weil sie experimentieren konnten und nicht auf Markierungen am Boden achten mussten. Unsere beiden Kameramänner sollten beobachten und darauf reagieren, was passiert. So habe ich auch versucht im Schnitt zu arbeiten. Denn wir wollten die Geschichte weder manipulativ noch didaktisch erzählen. Gerade bei einem so überwältigenden Thema kann Didaktik ziemlich gefährlich sein. Ich möchte den Zuschauern nicht vorschreiben, wie sie den Film zu finden haben und welche Botschaft sie mit nach Hause nehmen sollen. Wir stellen Fragen, Antworten kann jeder für sich selbst herausfinden.

Der Film hat ein viel behutsameres Erzähltempo als die Zuschauer es vermutlich sonst gewohnt sind.

Wir wollten uns von Anfang an langsam und vorsichtig an das Thema heranarbeiten. Und das Tempo des Films kommt schließlich natürlich auch einfach aus der Stimmung von unseren beiden Protagonisten Roman und Laura. Beide sind aus ganz verschiedenen Gründen eingefroren und gefangen in dem Leben, das sie führen. Außerdem hat „Staudamm“ das Erzähltempo, das mir als Filmemacher sehr liegt, denn ich muss ja hinter meiner Geschichte stehen können und sie nicht der Konvention halber schneller erzählen, auch wenn das den gängigen Sehgewohnheiten vermutlich widerspricht.

Mit Roman und Laura haben Sie die Lebenswelten junger Menschen wesentlich authentischer eingefangen, als man das sonst zu sehen bekommt.

Das wollten wir uns unbedingt so echt wie möglich erschließen, denn es sollen ja gerade junge Leute den Film sehen, und die müssen ihn ernst nehmen können. Wir wollen doch keine Jugendlichen, wie die Leute sie gerne sehen würden, wie Teenies aus einem Werbespot. So etwas interessiert mich nicht. Wenn ein Teenager wie Laura mal kifft, ist das vollkommen normal. Roman spielt im Film Xbox, ich spiele ja selbst – und ich war selber mal eine Roman-Figur, die nicht wusste wohin mit sich, da steckt insgesamt sehr viel von mir drin.

Neben den Schauspielern wird bei Ihnen auch die idyllische Landschaft des Allgäus zum Protagonisten.

Das ist ein Stilmittel, das mich im Kino immer sehr fasziniert hat, in den Filmen von Andrei Tarkovsky oder Terrence Malick zum Beispiel. Die Schönheit der Natur mit einer Geschichte von Gewalt und Tod zu kontrastieren. Das demonstriert ganz klassisch die Macht der Montage. Und natürlich ist es aufwühlender, wenn so ein Amoklauf nicht in einem Berliner Problemviertel stattfindet, sondern im schönen reichen Allgäu. Dramaturgisch hat das den Vorteil, dass die Geschichte eine viel größere Fallhöhe bekommt, und es entspricht ja auch der Realität, dass Amokläufer oft aus gut situierten Familien kommen.

Sie spielen auch gerne mit typisch deutschen Themen, Orten und Zuständen.

Geschichten, die hier passieren, interessieren mich, und ich sehe mich auch explizit als deutschen Filmemacher. Schon in meinem ersten Spielfilm „Distanz“ ging es um den ordentlichen, unauffälligen Deutschen der tötet. Eine Figur in Amon Göth-Tradition. Das ist ein urdeutsches Thema, das auf internationalen Festivals sehr schnell als solches erkannt wird, obwohl es deutschen Zuschauern und Kritikern oft gar nicht so auffällt. Und Amok ist eben leider auch etwas sehr Deutsches. Das passiert bei uns wesentlich öfter als in unseren Nachbarländern. Und was die Ästhetik des Films angeht, die bayerische Wirtshausidylle, Frühstücksräume, Kaffeekännchen, das sind alles Dinge, die so nur bei uns vorkommen. Das fasziniert mich, da will ich unbedingt genauer hinschauen.

Zusätzlich experimentieren Sie auch ein bisschen mit der Ästhetik des Horrorfilms.

Ich bin ein großer Genre-Fan, und „Staudamm“ ist für mich auch eine Geistergeschichte. Horrorfilme sind ja meist eine Meditation über das Alleinsein, da gibt es diverse Elemente, auf die ich bewusst zurückgegriffen habe, denn unsere Figuren sind ebenfalls in ihrer Einsamkeit gefangen. Der klassische Geist spukt irgendwo herum, weil er noch eine Sache erledigen muss, um erlöst werden zu können. Da gibt es deutliche Parallelen zur Figur der Laura, darum verschwindet sie auch an einer Stelle des Films plötzlich. Damit haben wir durchgehend ein bisschen gespielt: Existiert dieses Mädchen wirklich, oder hat Roman sie aus seinen Akten herbeifantasiert? Zum Schluss muss Laura noch das Tagebuch des Amokläufers zurückgeben, das ist ihre Bringschuld. Das Dorf haben wir natürlich auch absichtlich als Geisterstadt in Szene gesetzt, man sieht kaum Menschen, die Straßen sind verlassen, im Vordergrund steht vielmehr die Natur, Berge, Wolken.

Welche Szene hat Ihnen beim Inszenieren die meisten Sorgen bereitet?

Die erste Begegnung zwischen Roman und Laura an der Dorftankstelle war sehr schwierig zu inszenieren. Denn ich wusste: Wenn diese Szene nicht gut wird, kann der ganze Film kippen, weil dann auch die Chemie für die restlichen Szenen der beiden nicht stimmen könnte. Und auch technisch war dieses Kennenlernen nicht ganz leicht. Wir haben nachts gedreht, es war Winter und die Tankstelle hatte natürlich regulären Betrieb, also sind ständig hupende Autos mit winkenden Insassen an unserer Crew vorbeigefahren.

Sie haben „Staudamm“ in sehr kurzer Zeit drehen müssen.

Wir hatten aufgrund des schmalen Budgets nur 17 Drehtage, das ist sehr wenig. Aber wenn man so gute Schauspieler wie Friedrich Mücke und Liv Lisa Fries hat, dann geht das. Es war mir wichtig, auf beiden Positionen Schauspieler zu haben, die dreherfahren sind. Besonders Laura war deshalb nicht leicht zu besetzten. Es musste eine junge Schauspielerin sein, der man die Rolle eines normalen Mädchens abnimmt, die aber auch schon viel Set-Erfahrung mitbringt. Das hat mit Liv ganz wunderbar geklappt, wie überhaupt mit allen Darstellern des Films. Im Nachhinein darf man das mit den 17 Drehtagen deshalb eigentlich gar nicht mehr laut sagen, sonst heißt es künftig immer, du schaffst es doch in 17 Tagen. 30 wären mir schon lieber gewesen. Aber die Entscheidung war eben: Schaffen wir das in so kurzer Zeit oder lassen wir es ganz bleiben. Und wir wollten es auf jeden Fall versuchen.

Wie waren die Reaktionen, als Sie den Film auf Festivals erstmalig gezeigt haben?

Beim Filmfestival in Montreal sind Überlebende eines Amoklaufs extra gekommen, um unseren Film zu sehen. Da standen wir dann mit unserem Jetlag beim Q&A plötzlich vor Menschen, die das, was wir fiktiv erzählen, wirklich erlebt haben. Das war erst mal ein ziemlicher Schlag in den Magen. Zum Glück hatten diese Leute große Lust, mit uns zu diskutieren. Sie waren von dem Film sehr angetan und haben sich selbst und ihre Trauma-Erfahrungen darin gut wiedergefunden. Vor allem die Figur der Laura hat ihnen sehr gut gefallen und entspricht anscheinend in weiten Zügen wirklich der Lage und dem Gemütszustand von vielen realen Überlebenden.

Interview mit Friedrich Mücke (Roman) und Liv Lisa Fries (Laura)

Hat das Thema Amoklauf bei Euch erst mal eine Abwehrreaktion ausgelöst, als Ihr den Film angeboten bekommen habt?

Friedrich Mücke: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Ich hatte sofort großes Interesse an dieser Geschichte, und auch an den Menschen, die sie geschrieben haben. Denn so ein Drehbuch bekommt man als Schauspieler nicht oft zu lesen. Weder was das Thema angeht, noch was die Qualität der Dialoge betrifft.

Liv Lisa Fries: Das ging mir genauso. Was mich besonders fasziniert hat, ist die Idee von einem Amoklauf zu erzählen, ohne ihn zu zeigen. Die Tat wird im Nachhinein rekonstruiert, durch die Akten, die Friedrich als Roman einliest, durch die Tagebücher des fiktiven Attentäters. Und gerade dadurch ist der Horror die ganze Zeit präsent. …

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Denn der Film erzählt ja nicht nur vom Aufeinandertreffen von Roman und Laura, sondern vielmehr von einer Dreiecksgeschichte. Der Amokläufer ist zwar tot, aber trotzdem permanent als unsichtbare dritte Person zwischen den beiden anwesend. Und das haben Thomas Sieben und Christian Lyra in Dialoge verpackt, wie man sie so pointiert wirklich selten liest.

Der Film hat ein vollkommen anderes Erzähltempo als Ihr es vermutlich sonst beim Spielen gewöhnt seid?

Liv Lisa Fries: Absolut, bislang habe ich meist Figuren mit einem viel größeren Tempo gespielt, die sehr schnell in ihrem Tun und Handeln sind. Laura ist nicht unbedingt langsam, hat aber eben doch ein ganz anderes Timing. Und das funktioniert zum Glück erstaunlich gut. Als ich zum Beispiel meiner jüngeren Schwester den Film gezeigt habe, hatte ich erst befürchtet, dass sie ihn langweilig und langatmig finden könnte. Aber das war überhaupt nicht der Fall. Denn gerade durch sein reduziertes Erzähltempo reißt der Film die Zuschauer mit. Die vielen langen Wege, die die Figuren zurücklegen müssen, das Joggen, die Autofahrten, das hat alles etwas sehr Meditatives und deshalb auch sehr Aufwühlendes, weil man beginnt, über sich selbst nachzudenken.

Inwiefern musstet Ihr Euch beim Spielen im Gegensatz zu anderen Rollen bremsen?

Friedrich Mücke: Wir haben uns als Roman und Laura zwar recht schnell gefunden im Zusammenspiel, sind aber gerade deshalb von Thomas öfters gebremst und gebeten worden, uns mehr Zeit zu nehmen, diese und jene Szene in Ruhe auszuspielen. Das ging sehr gut, weil wir ja kaum Szenen mit anderen Schauspielern hatten, sondern meistens zu zweit waren. So eine intime Atmosphäre hilft, das passende Spieltempo für jede Einstellung zu finden. Natürlich ist das eine ganz andere Herausforderung als schnelle Rollen. Gerade bei einer Figur wie Roman, der zu Beginn des Films ja eine Weile ganz allein in seiner Wohnung zu sehen ist, fast ohne Interaktion mit Anderen.

Liv Lisa Fries: Es ist auch eine große Leistung von Thomas’ Regie, dass dieser langsame und isolierte Einstieg sich so wunderbar in den Rest des Films einfügt, genau wie die sehr emotionalen Szenen am Ende.

Friedrich Mücke: Für den Rest der Crew war das nicht immer einfach, wenn Liv, Thomas und ich wieder und wieder in unserem Dreierbund eine Szene durchgespielt und variiert haben, denn wir haben im Winter und häufig nachts gedreht. Aber wenn man jetzt das Ergebnis sieht, hat es sich definitiv gelohnt, dass wir uns diese Zeit genommen haben.

Wie würdet Ihr Roman und Laura, Eure Rollen in „Staudamm“, beschreiben?

Friedrich Mücke: Roman ist ein Einzelgänger, der sich für nichts richtig begeistern kann. Nicht mal seine Freundin interessiert ihn wirklich. Er ist vollkommen antriebslos, schafft es mit seinem Nebenjob so gerade, dass er das Geld für die Miete reinbekommt. Und gerade dieser merkwürdige Aushilfsjob, durch den er das erste Mal mit dem Amoklauf in Verbindung kommt, treibt dann die Handlung und ihn selbst an. Genau das, was ihn so unglaublich langweilt, bringt ihn auf die Reise, auf der er Laura kennenlernt, die ihn endlich aus dieser lähmenden Lethargie reißt. Es ist nicht so, dass Roman nicht an anderen Menschen interessiert wäre, aber er braucht eben einen kleinen Schubser. Das ist eine ziemlich spannende Figur, denn Slacker-Persönlichkeiten wie ihn gibt es heute viele. Ich kenne selbst einige Romans.

Liv Lisa Fries: Laura ist eine Figur, an der wir zeigen, wie es aussehen könnte, wenn ein Mensch, der einen Amoklauf erlebt hat, mit dem traumatischen Erbe einer solchen Tat zurechtkommen muss. Das bezieht eigentlich jeden Zuschauer mit ein, denn es geht anhand von Laura ja auch ganz grundsätzlich um die Frage nach den Möglichkeiten der Trauerbewältigung. Ein solches Erlebnis kann dazu führen, dass man nicht mehr mit der Außenwelt zurechtkommt, vielleicht sogar Selbstmordgedanken hat, was Laura ja auch anspricht. Und das Thema Schuld ist für sie in der Aufarbeitung des Amoklaufs ganz zentral: Warum mussten andere sterben und ich habe überlebt? Und dann kommt mit Roman ein Mensch in ihr Leben, der ihr ganz anders begegnet als alle Verwandten, Freunde und Psychologen. Der ihr ganz unverblümt kritische und persönliche Fragen stellt, der sie ernst nimmt, aber nicht bemitleidet.

Gab es Szenen, die besonders schwierig zu spielen waren?

Friedrich Mücke: Das ständige Joggen war physisch anstrengend zu drehen, für die ganze Crew. Und ganz speziell die Szene, in der Roman durchs Dorf joggt und man im Off hört, wie er im Tagebuchnachlass des Attentäters liest. Diese Emotionen dann beim Laufen auf die Figur zu übertragen war nicht einfach: Durch den Schnee laufen und den Text, der erst in der Postproduktion über das Bild gelegt wird, schweigend auf die eigene Körperhaltung und -spannung zu übertragen, ohne es zu übertreiben. Da war ich zunächst sehr unsicher, ob das funktionieren kann – was es jetzt aber absolut tut.

Was ist für Euch die stärkste Leistung dieses Films?

Friedrich Mücke: Aus dem Leben eines Amokläufers zu erzählen, ohne ihn nur einmal zu zeigen, das ist schon sehr stark. Die Texte aus seinem Tagebuch sind extrem wichtig, damit auch er eine eigene Stimme bekommt – und es war eine mutige Entscheidung von Thomas und Christian, ihm wirklich diese Stimme zu geben. Denn Peter Wagner, der Attentäter in „Staudamm“, war zunächst ein ganz normaler Jugendlicher, der auch verliebt war, der auch wilde Musik gehört hat. Das führt bei jungen Zuschauern hoffentlich bis zu einem gewissen Grad zur Identifikation und zu der Erkenntnis, dass solche Täter keine fremden Wesen von einem anderen Stern sind, sondern aus unserer Mitte stammen.

Liv Lisa Fries: In diesem Tagebuch, das ja von realen Dokumenten von Amokläufen inspiriert wurde, stehen viele Dinge, die die meisten Menschen sofort unterschreiben würden, auch wenn sie natürlich keine Amokläufer sind. Weiterführend stellt man sich dann hoffentlich die Frage, in was für einer Gesellschaft wir leben, die solche Täter, die uns selbst nicht unähnlich sind, hervorbringt. Diese Feststellung macht der Film zum Glück nicht plakativ und belehrend, sondern sie steht durch die vielen kleinen Details der Geschichte einfach ständig im Raum. Und was ich noch sehr gerne aus diesem Film mitnehme ist die Tatsache, wie stark man von Menschen, die ganz anders sind als man selbst, profitieren kann. Roman und Laura kommen aus zwei vollkommen unterschiedlichen Welten, und gerade deshalb können sie sich gegenseitig helfen und in gewisser Weise auch retten.

Wie war es schließlich, den fertigen Film das erste Mal vor Publikum zu zeigen? Eine große Verantwortung?

Friedrich Mücke: Es war mir schon beim ersten Lesen des Drehbuchs bewusst, dass ich mich hier auf etwas einlasse, wo es viel Gesprächsbedarf geben wird. Jetzt bei den ersten Screenings mit dem Publikum über den fertigen Film zu sprechen ist natürlich eine große Verantwortung aber auch ein sehr schönes Erlebnis, und wir lernen selber nochmal etwas über den Film und unsere Rollen. Dinge, die uns bislang selber gar nicht so aufgefallen sind, einfach durch die Reaktionen der Zuschauer.

Liv Lisa Fries: Das funktioniert deshalb so gut, weil der Film trotz seines schweren Themas so lebensbejahend ist. Die Figuren sind trotz all ihrer Probleme immer noch fähig sind zu lachen. Diese Gefühle sind genauso echt wie das Leid, sie existieren parallel, so wie im richtigen Leben auch.